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Wachgeküsst: die Villa Beer

Info, Geschichte • 30.03.2026 • 23:20 - 00:12 heute
 Villa Beer Wohnzimmer renoviert.
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 Außenansicht Villa Beer mit Bay-Fenster.
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 Baustellenzaun mit Villa Beer im Hintergrund.
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 Baustelle Villa Beer Innenbereich.
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Originaltitel
Wachgeküsst: die Villa Beer
Produktionsland
A
Produktionsdatum
2026
Info, Geschichte
Im 13. Wiener Gemeindebezirk Hietzing schlummerte die längste Zeit eine Villa im Dornröschenschlaf. Keine gewöhnliche Villa, sondern eine Architekturikone: das Hauptwerk des Architektenduos Josef Frank und Oskar Wlach – einzigartig in seiner Konstruktion, wegweisend in seinem Raumkonzept. Errichtet wurde das Gebäude in den Jahren 1929/30 für den jüdischen Industriellen Julius Beer. Elf Jahre lang stand es leer, und wurde nun wachgeküsst. Am 8. März erfolgte die Eröffnung des Bauwerks als der Öffentlichkeit zugängliches Museum – das anschließende reguläre Programm ist bereits auf Monate ausgebucht. Regisseur Rudolf Klingohr erzählt in seinem Film von der akribischen Restaurierung des Hauses, seiner wechselhaften, oft dramatischen Geschichte und seinen illustren Bewohnerinnen und Bewohnern. Nichts in der Villa Beer ist, wie man es erwarten würde, nichts, wie es zeitgenössische Architekten planen würden – und doch ist alles stimmig und genau am richtigen Platz. Josef Frank hatte auf 650 Quadratmetern sein architektonisches Credo umgesetzt: "Ein gut angelegtes Haus gleicht jenen schönen, alten Städten, in denen sich selbst der Fremde sofort auskennt und, ohne danach zu fragen, Rathaus und Marktplatz findet." Bauherren der Villa waren Julius Beer, Mitinhaber der Berson Kautschuk Gummisohlenfabrik, und seine Frau Margarete. Beide waren begeisterte Musikliebhaber, das Haus sollte daher auch genügend Platz für Soireen und Empfänge bieten. Die Architekten Frank und Wlach waren Inhaber der Firma "Haus & Garten" – wie praktisch, dass da neben der Konstruktion auch die Gartengestaltung und das Interieur aus einer Hand kamen. So begeistert war das Architektenduo von dem Auftrag, dass es 1929 mit den Arbeiten begann, noch bevor eine Baubewilligung vorlag. Doch es folgte ein behördlicher Baustopp. An die nachgereichten Pläne hielten sich die beiden in vielen Details – nicht. Was letztlich entstand, ist ein Schlüsselwerk der Wiener Moderne, inspiriert von Adolf Loos und doch weit freier interpretiert. Das Ehepaar Beer hatte nur kurz Freude an seinem Traumhaus – die Gummisohlenfabrik schlitterte in den Konkurs, 1932 wurde die Villa an eine Versicherungsgesellschaft verkauft. Die Beers mussten schließlich vor den Nazis in die USA fliehen. Danach hatte das Haus illustre Mieterinnen und Mieter: Richard Tauber, Jan Kiepura und Marta Eggerth, sowie deren Sekretär Marcel Prawy bewohnten die Immobilie bis zu ihrer Vertreibung im Jahr 1938. 1941 erwarb der Textilunternehmer Harry Pöschmann gemeinsam mit seiner Frau Herta die Villa Beer, deren Nachkommen sie 2008 verkauften. Lange Jahre dämmerte das Architekturjuwel im Dornröschenschlaf, bis es der Geschäftsmann Lothar Trierenberg erwarb, um es wachzuküssen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Restaurierungsarbeiten wurden unter Leitung von Architekt Christian Prasser mit archäologischer Präzision durchgeführt. Recherche-Reisen führten nach Schweden, wo Josef Frank ab 1934 Exil gefunden hatte. Schmied und Schlosser kamen aus Kärnten, der Tischler aus Graz, der Glasermeister aus Tirol.